Conference paper

Schädler-Saub, Ursula:

Eine kurze Einführung in das Tagungsthema

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Der Untertitel unserer Tagung, die den Welterbestätten in Deutschland gewidmet ist, lautet: präventive Konservierung und Erhaltungsperspektiven. Mit präventiven, also mit vorbeugenden Maßnahmen will man Schäden an Kunst- und Kulturgut möglichst schon im Vorfeld verhindern. Dies kann gelingen, wenn man potentielle Schadensursachen rechtzeitig erkennt und beseitigt oder zumindest reduziert, bevor sie zu Beschädigungen und Verlusten an der Originalsubstanz geführt haben. Ganz allgemein versteht man unter präventiven Maßnahmen das Schaffen geeigneter Rahmenbedingungen für die bestmögliche Erhaltung von Kunst- und Kulturgut. Die präventive Konservierung erfasst also Raumklima, Lichtschutz, Brandschutz und Diebstahlschutz, um nur einige Themen zu nennen. Präventive Konservierung setzt selbstverständlich fundierte Kenntnisse der historischen Materialien und Techniken, der Geschichte und des Erhaltungszustandes eines Objektes voraus, auf der Grundlage historischer, restauratorischer und naturwissenschaftlicher Untersuchungen. Denn nur das, was man wirklich kennt, kann man auch angemessen schützen.

Der Begriff „präventive Konservierung“ hat sich seit über 10 Jahren in den Museen durchgesetzt. Restaurierungswerkstätten und Museumsverwaltungen haben erkannt, dass präventive Konservierung nicht nur Originalsubstanz schützt, sondern auch zu Kosten-einsparungen führt. Seitdem wird systematisch und fachübergreifend an der Entwicklung geeigneter Methoden und Techniken der präventiven Konservierung gearbeitet. Wichtige Vorarbeit wurde von internationalen Komitees und Fachinstitutionen geleistet. So hat das Committee for Conservation des International Council of Museums bereits 1993 in Washington eine Arbeitsgruppe „Preventive Conservation“ gegründet, die sich mit fachlichen Fragen in Museen, Bibliotheken und Archiven befasst und Richtlinien für die präventive Konservierung verbreiten will. Das International Institute for Conservation of Historic and Artistic Works hat dem Thema Preventive Conservation 1994 in Ottawa eine internationale Fachtagung gewidmet,auch hier primär auf museale Fragestellungen ausgerichtet. Schließlich ist ein Grundsatzpapier zu nennen, das sich der präventiven Konservierung im Museum widmet: die Charta von Vanta, die im Jahr 2000 in der finnischen Stadt Vanta von Konservatoren und Restauratoren aus 24 europäischen Ländern verabschiedet wurde, zum Abschluss des von der Europäischen Kommission geförderten Projektes „European Preventive Conservation Strategy“. Der Begriff „präventive Konservierung“ ist in der Denkmalpflege bislang wenig verbreitet. Jedoch haben vorbeugenden Maßnahmen zur langfristigen Erhaltung von Kulturdenkmalen eine Jahrhunderte alte Tradition, man denke an Schutzdächer über wertvoller Bauplastik oder Wandmalerei im Außenbereich, an die Einhausung von Gartenplastik im Winter usw. Auch altbewährte Pflegemaßnahmen wie z. B. das regelmäßige Erneuern von schützenden Fassadenanstrichen mit traditionellen Materialien und Techniken können diesem Gebiet zugerechnet werden. Die „präventive Konservierung“ kann sich heute also auf eine bewährte Tradition der Pflege und Wartung stützen und sie weiterentwickeln auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Möglichkeiten. Man denke z. B. an die heutigen Standards der Dokumentation und des Monitorings.

Warum soll präventive Konservierung in der Denkmalpflege zum vorrangigen Anliegen werden? Ethische und praktische Gründe sprechen gleichermaßen dafür. Wir wissen, dass der Zeugniswert eines Kulturdenkmals untrennbar mit seiner Originalsubstanz verbunden ist. Originalsubstanz zu erhalten ist die wichtigste Aufgabe von Denkmalpflegern und Restauratoren. John Ruskin hat dieses Konzept vor über 50 Jahren einprägsam formuliert, seit Georg Dehio ist es zum Leitmotiv der deutschen Denkmalpflege geworden. Unter Bezug auf die Erfahrungen der Museen stellen wir heute fest, dass die präventive Konservierung ethische Grundsätze mit wirtschaftlichen Überlegungen vereint. Die beste Methode ist gleichzeitig auch die sparsamste Methode, Kulturdenkmäler sachgerecht für die Zukunft zu erhalten. In finanziell schwierigen Zeiten können wir es uns also gar nicht leisten, auf präventive Konservierung zu verzichten. Leider ist präventive Konservierung in der denkmalpflegerischen Praxis immer noch die Ausnahme. Pflege- und Wartungsverträge mit Restauratoren werden – wenn überhaupt – im Allgemeinen erst nach einer umfassenden Restaurierung abgeschlossen. Das bedeutet, in den meisten Fällen wartet man wider besseres Wissen auch heute noch, bis Schäden an Bau und Ausstattung für jedermann deutlich sichtbar sind und eine so genannte durchgreifende Restaurierung unumgänglich wird. Damit nimmt man vermeidbare Substanzverluste und kostspielige restauratorische Eingriffe billigend in Kauf.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Sie sind auch in der Vergabepraxis von Zuschussmitteln zu suchen. Präventive Konservierung ist im Allgemeinen nicht förderfähig, die umfassende Restaurierung dagegen schon. Das so zusagen glanzvoll restaurierte Denkmal lässt sich in der Öffentlichkeit auch besser vermarkten als vorbeugende Maßnahmen, die für ein breiteres Publikum erläuterungsbedürftig sind. Auch hier, bei der finanziellen Förderung, muss ein Umdenken erfolgen, im Sinne eines sparsamen Wirtschaftens und eines sachgerechten Umgangs mit unseren Denkmälern. Der Wandel der Aufgaben in den Museen und in der Denkmalpflege hat auch Auswirkungen auf das Berufsbild von Konservatoren und Restauratoren. Seit kurzem werden nicht nur an den Museen, sondern z. B. auch in Schlösserverwaltungen Stellen für „präventive Konservierung“ ausgeschrieben. Seit 2004 gibt es im Fachbereich Konservierung und Restaurierung unserer Hildesheimer Hochschule einen Studiengang für „präventive Konservierung“, über den der Kollege Prof. von der Goltz im Rahmen dieser Tagung ausführlicher berichten wird.

Mit präventiver Konservierung befassen sich natürlich nicht nur Restauratoren. Wirksame Prävention kann nur interdisziplinär erfolgen, in der Zusammenarbeit von Fachleuten der verschiedensten Disziplinen. Darüber hinaus muss das Bewusstsein in der Gesellschaft für die Notwendigkeit vorbeugender Maßnahmen gefördert werden. Interessierte Bürgerinnen und Bürger sollten im Rahmen des Möglichen aktiv einbezogen werden. Wenn man potentielle Schadensursachen, die unsere Kulturdenkmäler bedrohen, schon im Vorfeld erkennen und soweit möglich beseitigen will, so kommen in der Denkmalpflege zu den „klassischen“ konservatorischen Fragestellungen, die wir aus dem Museum kennen, eine Vielzahl von Faktoren hinzu, die spezifisch denkmalpflegerischer Natur sind. Dazu gehören der gesetzliche Schutz, der Umgebungsschutz, die Bewahrung der historischen Nutzung bzw. die Entwicklung denkmalgerechter neuer Nutzungskonzepte usw. Wenn wir uns mit Welterbestätten befassen, so ist sogar die Qualität der Antragsformulierung für die Aufnahme in die Welterbeliste eigentlich Teil einer präventiven Strategie, weil mögliche Gefahren bereits in diesem Stadium erkannt und berücksichtigt werden müssen.

Unser Tagungsprogramm will auf diese Fragestellungen eingehen. Es widmet sich zunächst grundsätzlichen Überlegungen und gesetzlichen Voraussetzungen. Ein Blick in die europäischen Nachbarländer soll Erfahrungen und Erkenntnisse zum facettenreichen
Thema der präventiven Konservierung beisteuern. Schwerpunkte des Programms sind dann die breit gefächerten Beiträge zu den Erhaltungsperspektiven von Welterbestätten in Deutschland, von konservatorischen und restauratorischen über städtebauliche Fragen bis hin zum Management. Die Vielzahl der Probleme und Perspektiven kann im Rahmen einer Tagung naturgemäß nicht erschöpfend behandelt werden. Doch glaube ich, dass von unserer Tagung wichtige Anregungen für die denkmalpflegerische und konservatorische Praxis ausgehen können. Als Ergebnis dieser Tagung würde ich mir wünschen, dass Richtlinien für die präventive Konservierung in der Denkmalpflege entstehen, mit alltagstauglichen Empfehlungen und Checklisten für Eigentümer, Verwalter und Nutzer von Welterbestätten in Deutschland.
Diese Richtlinien wären sicherlich nicht nur für die Welterbestätten hilfreich, sondern von allgemeinem Interesse für Denkmalschutz und Denkmalpflege. Es wäre schön, wenn wir gemeinsam solche Richtlinien erarbeiten könnten. Vorerst, zu Beginn dieser Tagung, darf ich uns allen informative und spannende Beiträge und anregende Diskussionen wünschen.

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HAWK Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Fachbereich Konservierung und Restaurierung