Cesare Brandis „Teoria del restauro“ und die Restaurierung in Deutschland heute

Offenes Fachseminar der HAWK, Hildesheim

7. Mai 2007, 10:00-16:00 Uhr
Veranstaltungsort:
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen
Goschentor 1
31135 Hildesheim

In dem Seminar wurde herausgearbeitet, in welcher Form – direkt oder indirekt – Brandi in Deutschland rezipiert wird, ob seine Teoria del restauro bzw. die Restaurierungsmethoden des Instituto Centrale del Restauro (ICR) aufgenommen und weiterentwickelt werden, auch in Verbindung mit anderen Grundsatzüberlegungen und methodischen Ansätzen. Angesprochen wurde u.a. der Respekt vor dem historischen Zeugniswert eines Kulturdenkmals und seine ästhetische Präsentation, im Sinne der von Brandi entwickelten „historischen Instanz“ und „ästhetischen Instanz“.

Programm

  • Ursula Schädler-Saub, FB K, HAWK HHG:  Einführung in die Teoria del restauro Cesare Brandis und in die Themen des Hildesheimer Seminars.
  • Dörthe Jakobs, LfD Baden-Württemberg: Cesare Brandi in Bezug zur deutschen Denkmalpflege und Restaurierung, dargestellt an Beispielen aus Baden-Württemberg.
  • Ivo Hammer, FB K, HAWK HHG: Struttura e Aspetto. Anmerkungen zu Teorie und Praxis der Restaurierung von Wandmalerei/ Architekturoberfläche in Österreich.
  • Thomas Danzl, Landesdenkmalamt Wien/Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt: Konrad Riemann (1920- 2004) und die Rezeption internationaler Standards in der Restaurierung Sachsen- Anhalts der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts (vorgetragen von Dipl. Rest. Karoline Danz, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
  • Wanja Wedekind, freischaffender Diplom-Restaurator: Theoretische Grundlagen für die Restaurierungspraxis: Leitlinienentwicklung und Restaurierungsplanung in der praktischen Denkmalpflege.

Dazu ein Beitrag vom Istituto Centrale per il Restauro:

  • Francesca Valentini: Cesare Brandis Teoria del restauro, ihre Anwendung auf die Restaurierung moderner Kunst (Vortrag auf Englisch).

Moderation der Diskussion: Angela Weyer, Leiterin des Hornemann Instituts.

Das Seminar wendete sich an Studierende der Restaurierung, versteht sich aber auch als Fortbildungsangebot für alle Fachkräfte, die auf dem Gebiet der Restaurierung und der Denkmalpflege tätig sind.

EU-Projekt
Das Seminar fand statt im Rahmen des EU-Projekts „Cesare Brandi (1906-1988). Il suo pensiero e il dibattito in Europa nel XX secolo“. Das Projekt wollte dazu beitragen, die Figur Cesare Brandis und sein Werk in Europa bekannt zu machen: seine Schriften über Theorie und Praxis der Restaurierung, seine kunsthistorischen und philosophischen Veröffentlichungen sowie seine operative Tätigkeit in der Restaurierung und sein gesellschaftliches Engagement für alte und moderne Kunst.
Das Projekt ging vom ICR in Rom und von der Associazione Giovanni Secco Suardo in Lurano bei Bergamo aus und wurde von der Associazione Amici di Cesare Brandi unterstützt. Partnerländer waren Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Portugal und Spanien. Deutschland war mit der HAWK, Fachbereich Konservierung und Restaurierung, Prof. Dr. Schädler-Saub, in das Projekt integriert.

Zu den konkreten Zielen des Projektes gehörten die Förderung von Übersetzungen der Brandianischen Texte in die jeweiligen Landessprachen, das Erstellen eines mehrsprachigen Glossars der Terminologia Brandiana, die Organisation einer Wanderausstellung und das Ausrichten von Fachseminaren. Für die europäischen Seminare wurden seitens des ICR einige wichtige Themen aus der Teoria del restauro vorgeschlagen, aus denen für die deutschen Veranstaltungen (außer Hildesheim noch München) die beiden folgenden Themen ausgewählt wurden:

  • il restauro come atto critico (Restaurierung als kritische Aneignung, als Interpretation eines Kunstwerks)
  • l’unità potenziale dell’opera d’arte, nella teoria e nella pratica (die potentielle Einheit des Kunstwerks, in der Theorie und in der Praxis)
    (Nicht ausgewählt wurden für Deutschland folgende Themen: „si restaura la materia, non la forma“; la pulitura; conservazione preventiva e „restauro preventivo“; il concetto di spazio).

Die vorgeschlagenen Themen sollten eine gewisse Vergleichbarkeit der verschiedenen europäischen Seminarveranstaltungen ermöglichen. Zudem sollte jedes Land auf landesspezifische Merkmale und Fragestellungen der Restaurierung eingehen, die mit diesen Themen verbunden werden können.

Das Seminar in Hildesheim
In Deutschland fanden Seminare in München und in Hildesheim statt, die ihr Augenmerk vor allem auf die Restaurierung in der Denkmalpflege richten wollen. An aktuellen Beispielen wurde aufgezeigt, auf welchen theoretischen Grundlagen heutzutage Restaurierungskonzepte in der Denkmalpflege entwickelt und in die Praxis umgesetzt werden.

Dabei sollte die Restaurierung von Kulturdenkmalen mit ihrer Raumschale und ihrer beweglichen Ausstattung besonders berücksichtigt werden.
Einflüsse der theoretischen Überlegungen Brandis und Verbindungen zur Praxis der Restaurierung des ICR sollten dabei – soweit möglich - aufgezeigt werden. Ebenso konnten jedoch Beispiele präsentiert werden, die keine direkten Bezüge zur Teoria del restauro aufweisen, ja vielleicht sogar im Widerspruch zu deren Prinzipien stehen.

Allgemein lässt sich gerade an Restaurierungen im Bereich der Denkmalpflege viel über den restauro come atto critico ablesen, ebenso stellt sich exemplarisch in der Denkmalpflege die Frage nach dem Umgang mit Fragmenten, was die Aktualität des Themas l’unità potenziale dell’opera d’arte, nella teoria e nella pratica belegt. Der direkte oder indirekte Bezug zu diesen beiden zentralen Themen der Theorie Brandis wäre also gegeben.

Cesare Brandi: Theorie der Restaurierung; (c) ICOMOS 2006.