Tagungsbeitrag

Drewello, Rainer:

Von Erfolgen und Misserfolgen – Das heikle Thema Prävention

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Prävention meint eine Gesamtheit von Maßnahmen, die der Vorsorge im weitesten Sinn dient. Der Begriff kommt aus der Medizin und Rechtssprechung, seine Übertragung in die Restaurierung entspricht dem Wunsch, den Objekten der Kunst- und Denkmalpflege denselben Pflegestatus zu verleihen, den beispielsweise der Patient in der Gesundheitsvorsorge genießt. Die Analogien zur Medizin sind rasch erschöpft. Denn während die Gesundheitsbildung und das Screening häufiger Erkrankungen im Gesundheitswesen selbstverständlich praktiziert und beide Leistungspakete aus dem Budget öffentlicher und privater Krankenversicherer bestritten werden, fehlen vergleichbare Vermittlungsstrukturen und finanzielle Förderungen in der Kunst- und Denkmalpflege fast vollständig. Die Prävention in der Restaurierung steckt in den Kinderschuhen, trotz des nicht zu leugnenden Bedarfs.

Restauratorisch intendierte Vorsorge will negative Auswirkungen auf Kunst- und Kulturobjekte frühzeitig unterbinden und das Sensorium der Früherkennung in die Projektierung von Maßnahmen einbeziehen. Zum Handwerkszeug gehört das Erkennen und Diagnostizieren von Materialveränderungen, die nicht mit natürlichen Alterungsprozessen zu erklären sind und als Schadensphänomene gelten. Schäden sind nicht so selten und kommen selbst in geschützten Habitaten wie Museen oder Kultobjekten der Denkmalpflege reichlich vor. Leider finden sich in der Praxis allzu viele Beispiele, die das schwierige Verhältnis historisch gewachsener Substanz mit Altlasten, Altrestaurierungen, Übernutzung, problematischen Ausstellungskonzepten und einem übersteigerten Präsentationsbedürfnis widerspiegeln. Typische Erscheinungen sind Verschmutzung, Abnutzung, Ausbleichen, "urplötzlich" auftretende Beläge, Mikrobenbefall oder unerklärliche Korrosionsphänomene. Sucht man nach Gründen für den substanziellen Abbau, so können diese in der geringen Stabilität des Materials, einem aggressiven Umfeld oder dem Mikroklima am Standort verborgen sein. Meist sind es mehrere, miteinander wechselwirkende Faktoren, die das Entziffern des Zustandes und seine Beurteilung erschweren und in der Summe ein komplexes Problem ergeben. Die Wahrnehmung der Schäden ist die eine, das Lesen der Krankheitsbilder die andere Seite. Während Restauratoren, Konservatoren und Kuratoren ihre Objekte gut kennen und selbst kleinste Veränderungen registrieren, muss die Schadensdiagnose in komplexen Fällen naturwissenschaftlichen Fachinstituten überlassen bleiben. Fakt ist, dass der Aufwand für die Anamnese historischer Objekte ausgesprochen hoch ist und das Analyseprogramm in aller Regel vielschichtig und methodisch anspruchsvoll ist, was laufende Restaurierungsvorhaben von Glasmalereien, historischen Putzen, Metalllegierungen oder Werkstein unterstreichen. Im Museum heute kommen gänzlich neue Arbeitsfelder hinzu, die nach einer akademisch geschulten Personengruppe mit stark praktischem Bezug verlangen. Denn um den präventiven Gedanken umzusetzen, sind Wissensarbeiter erforderlich, die in Zusammenhängen denken und diese transparent machen können. Gerade bei der Neukonzeption von Ausstellungsräumen und Vitrinen ist man bei der Bewertung der Tauglichkeit von Industrieprodukten und technischen Lösungen schnell mit seinem Latein am Ende.

Häufig ist man gezwungen, die Katze im Sack zu kaufen und müsste schon prophetische Gaben haben, um all die Ingredienzien in modernen Bau- und Ausstattungsmaterialien zu erkennen und hinsichtlich ihrer Folgen für das Raumklima und sensible Objektoberflächen beurteilen zu können. Aber solange es kein "Museumssiegel für Museumsmaterialien" gibt, wird jede Materialwahl zu einer singulären und teuren Aufgabe, wobei die Prüfberichte aus methodischen Gründen immer weniger lesbar werden, da das Drohpotenzial der Hersteller mit etwaigen Klagen zu immer kryptischeren Aussagen zwingt. Meist wird nur noch der bloße Zahlenwert von Essigsäure, Formaldehyd, VOCs, etc. mitgeteilt und die Interpretation dem Endverbraucher überlassen. Das Beste für die Objekte wäre sicherlich eine Beschränkung auf bewährte Produkte mit definierter Zusammensetzung; doch leider ist Bescheidenheit eine Zier und keine notwendige Eigenschaft von Ausstellungsmachern und Werbestrategen. So kann jede Neuausstattung zu einem Vabanquespiel für die zu präsentierenden Objekte und zu einer kostspieligen Aufgabe für die Betreiber werden – von Altausstattungen ganz zu schweigen.

Ob es den dringend benötigten Wissensarbeiter im Museum als Ausbildungsberuf jemals geben wird, ist ungewiss. Denn so recht fühlt sich keine der traditionellen Disziplinen zuständig, weder die Natur- oder Ingenieurwissenschaften noch die Restaurierung bzw. Konservierungs- und Restaurierungswissenschaft. Das Anforderungsprofil beinhaltet eine technisch orientierte und praktische Vorbildung, die anspruchsvolle Fähigkeit zu systemischem Denken, ein Gefühl für Wechselwirkungen und, last not least, eine innige Beziehung zu den Objekten. Wenn man der Prävention in der Restaurierung aber eine Chance geben will, wird man um die Installation derartiger Generalisten nicht umhin kommen, denn letztlich stirbt und fällt der Vorsorgegedanke mit den Apologeten vor Ort. Die condition sine qua non ist natürlich der gesellschaftspolitische Konsens, dem kulturellen Erbe nicht nur im Notfall Aufmerksamkeit zu schenken.

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Universität Bamberg, Lehrstuhl für Restaurierungswissenschaften