Tagungsbeitrag

Wagner, Monika:

Materialien des „Immateriellen“. Debatten um Baustoffe der Moderne

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Für Hegel rangierte die Architektur ihrer materiellen Gebundenheit wegen an unterster Stelle im System der Künste. Die Baustoffe, allen voran der Inbegriff des architektonischen Materials, der Stein, schien diese Bindung auch nicht ablegen zu können.

Mit den neuen Materialien, die mit der Industrialisierung entwickelt wurden, vor allem mit Joseph Paxtons legendärem Kristallpalast für die erste Weltausstellung 1851 in London, wurden Hoffnungen auf eine alle materielle Schwere überwindenden Architektur aus neuen Baustoffen geschürt. Das Schrumpfen der Materialmassen im Verhältnis zum umbauten architektonischen Raum durch Eisenkonstruktionen einerseits, die optische Entgrenzung durch Glas andererseits, ließen sich in der Rezeption zur Überwindung der Schwerkraft stilisieren. Doch waren die Hoffnungen auf neue Materialien auch bei den Architekten groß, nicht nur in der Phase expressionistischer Glashausträume.

Schon Henry van de Velde hatte um die Jahrhundertwende die Utopie eines Materials der Zukunft formuliert, das dem Gedanken so schnell folgen könne wie die Sprache.

In den späten zwanziger Jahren bestätigen angesichts der Architektur des neuen Bauens viele Beschreibungen die Vorstellung von einer neuen, materieüberwindenden Architektur. Ich möchte daher untersuchen, welche Materialien und welche Verarbeitungsweisen es in der Moderne waren, die derartige idealisierte Vorstellungen einer gewissermaßen „immateriellen“ Architektur erfüllen konnten. Offenbar waren es vor allem diejenigen Materialien, die dem seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und bis in die Zeit des Bauhauses hinein heftig diskutierten Postulat nach materialgerechten Formen entgingen, weil sie flexibel waren. Zudem gelten derartige „Neomaterien“, zu denen auch Beton, Eisen oder Glas zählen, als „geschichtslos“, weil sie als Material keine eigene naturgeschichtliche Vergangenheit besitzen wie etwa Stein oder Holz. Darüber hinaus lassen sich die neu entwickelten Baumaterialien so verarbeiten, dass an ihrer Oberfläche keine Faktur, keine Arbeitsspuren sichtbar werden. Fakturlose weiße Betonwände, spiegelndes Glas oder polierter Edelstahl machten Arbeit im Sinne traditioneller Handarbeit geradezu unsichtbar.

Diese Faktoren trugen offenbar dazu bei, dass die faszinierenden Wirkungen der neuen Architektur zwar intensiv beschrieben wurden, während die solche Effekte generierenden Materialien kaum eine Rolle spielten. Sie allerdings sind aufs aller engste mit den gewählten Materialien und ihrer Verarbeitung verbunden – was etwa bei tradierter Hausteinarchitektur besonders gerne hervorgehoben wurde. Vielleicht liegt in der für die moderne Architektur typischen Abkoppelung der Wirkung vom materiellen Befund – zugunsten der sogenannten „Immaterialisierung“ auch ein Schlüssel für den unsensiblen Umgang mit der Restaurierung selbst der Inkunabeln der Moderne.

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Hornemann Institut der HAWK
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