Tagungsbeitrag

Tatjana Bayerova, Martina Griesser:

Die Metalloberflächen im Haus Tugendhat

zum Download


„Mit Ausnahme der verchromten und vernickelten Teile [...] und der Onyxwand gibt es heute keine sichtbare ursprüngliche Oberfläche.“ (Ivo Hammer, 1998)

Dass die Metalle (neben besagter Onyxwand) heute die einzigen ursprünglichen Oberflächen der Innenausstattung im Haus Tugendhat zeigen, macht sie innerhalb des Bestandes zu Besonderheiten, die es unbedingt weiterhin zu erhalten gilt. Darüber hinaus waren die Metalle zur Bauzeit des Hauses aber als genauso bedeutend zu werten, bildeten sie doch für Mies van der Rohe integrative und wichtige Bestandteile im künstlerischen Gesamtkonzept. Seinen funktionalen Nutzen weit übersteigend, wird der ästhetische Einsatz des Werkstoffes Metall leider oft unterschätzt. Dieser Beitrag nähert sich den Metallen im Haus Tugendhat aus konservatorischer und restauratorischer Sicht, Hand in Hand mit naturwissenschaftlichen Untersuchungen. Es werden Betrachtungen zum aktuellen Erhaltungszustand (Befundsituation Juni 2005), zu möglichen Schadensursachen, zur Technologie, zur ursprünglichen Oberflächengestaltung und zur ästhetischen Wechselwirkung im architektonischen Rahmen des Hauses angestellt. Die Untersuchungskampagne beinhaltete nach der Recherchearbeit in der umfangreichen kunsthistorischen Fachliteratur zum Haus Tugendhat eine visuelle Untersuchung direkt am Objekt, Photodokumentation, Sondierung (Untersuchung der Farbschichtenabfolgen), Reinigungsproben, nicht-destruktive XRF-Messungen an den ungefassten Metallen und Probenahmen an den gefassten Oberflächen durchgeführt. Das entnommene Probematerial wurde naturwissenschaftlich analysiert und interpretiert. Die Forschungsergebnisse haben entscheidende Wichtigkeit für die Bestimmung der ursprünglichen Gestaltung, da diese in den meisten Fällen heute nicht mehr lesbar ist.


Die ungefassten Metalloberflächen

Im Mittelpunkt steht die Beschäftigung mit den verchromten Blech-Ummantelungen der Stützen im zentralen Wohnraum, den Geländern und Handläufen im Stiegenhaus sowie ausgewählten Vorhangstangen. Vorwiegend geht es dabei um die Identifizierung und die Zustandsbewertung der vernickelten und verchromten Oberflächen – unverzichtbare Akteure in der ursprünglichen „Materialsymphonie“ des Hauses und zur Bauzeit den „modernen“ Charakter wesentlich prägend. Schäden sind vor allem auf kontinuierlichen Abrieb, mechanische Verletzungen, falsche Pflege, Reinigungsmaßnahmen, Vandalismus oder auf die Einwirkung von zu hoher oder wechselnder Feuchtigkeit zurückzuführen.

Außerdem konnten kleine Einblicke ins unsichtbare angelegte Montage-System im Inneren der Stützen-Ummantelungen im zentralen Wohnraum fotografisch dokumentiert werden, die bisherige Spekulationen zur Montageart bestätigen oder widerlegen.

Im Außenbereich bietet die Untersuchung der Stützen-Ummantelungen auf den Terrassen, welche heute mit mehreren Schichten sekundärer Anstriche versehen sind, neue Ergebnisse, welche die Unsicherheit über deren ursprüngliche Gestaltung auch in der kunsthistorischen Literatur endgültig korrigieren.

Die Stützen in den Semi-Außenbereichen, den Terrassen des Hauses Tugendhat, sind als konsequente Fortführung der „Materialwahrheit“ von Mies van der Rohe zu sehen: Die verchromten Stützen des Innenraumes mutieren im Übergang zum Gartenraum zu Stützen, die ursprünglich im patinierten Messing-Braun den für das ästhetisch-architektonische Gesamtkonzept entscheidenden Metall-Charakter linear fortführten (Abb. Reinigungsfenster Terrassenstütze). Eine Freilegung der Stützenummantelungen auf ihre ursprüngliche metallene Oberfläche würde allerdings ein Risiko darstellen, da nicht abgeschätzt werden kann, ob und wie weit die patinierten Oberflächen mechanisch durch vormalige Interventionen verletzt oder unter den Anstrichen korrodiert sind.


Die gefassten Metalloberflächen

Die ursprüngliche Farbigkeit der Metallelemente in exterieur war grau (mit Ausnahme der Exterieurstützen), entsprechend dem Farbton NCS S 7005-B20G, resp. RAL 7012 (Basaltgrau). Der graue Farbton sollte vermutlich jenem von Bleiblech nahe kommen, welche wurde auch an den Brüstungen und der ursprünglichen Ummantelung des Daches verwendet.

Die ursprüngliche Fassung hatte einen folgenden mehrschichtigen Aufbau – Antikorrosionsschutzanstrich (1) auf Mennigebasis oder auf Zinkstaubasis, mehrschichtiger weisser Grundierungsanstrich (2), grauer, deckender Schlussanstrich (3) und abschließende Lackschicht (4), an Geländer ist die Anwesenheit einer Lackschicht fraglich.

Alle Fassungen (mit Ausnahme der Lackschicht) sind industrielle Ölanstriche die folgende Pigmente, bzw. Füllstoffe wie Calciumcarbonat, Lithopone Zinkweiß, Titanweiß, Kohlenstoffschwarz, Knochenschwarz, Permanentweiß, Ocker beinhalten. Die Lackschicht ist auf Basis von synthetischem Harz, höchstwahrscheinlich ein Celluloseester. Die Verwendung von derartiger Lackschicht für Metallanstriche im Außenbereich ist eher untypisch. Vermutlich hatte die Lackschicht nicht nur eine schützende Funktion, sondern sollte in erster Linie eine bestimmte ästhetische Wirkung - Glanz und Farbe - hervorrufen.

Die originalen Fassungen sind an allen Metall-Architekturelementen an den Stellen, die einigermaßen gegen Witterungseinflüsse geschützt sind, in einem weitaus besseren Zustand erhalten als jene, stark degradierte Anstriche an den witterungsexponierten Stellen.

Die ursprünglichen Fassungen werden derzeit durch verschiedene Lagen von Überfassungen bedeckt. Zu diesen sekundären Anstrichen gehört auch eine grüne Fassung, welche in der Diskussion zu den Anstrichen des Hauses manchmal als die ursprüngliche Fassung vermutet wurde. Die grüne Farbigkeit einiger Elemente ist allerdings eindeutig sekundär – grün waren Geländer, Eintrittstüre und Exterieurstützen gestrichen. Die Fensterrahmen und Rahmenkonstruktionen waren hingegen zu keinem Zeitpunkt grün.

Die ursprüngliche Farbigkeit der Metallelemente im Interieur der Villa war vermutlich im einheitlichen weißen Farbton, der am ehesten dem Farbton NCS S 0500-N, resp. RAL 9001 (Cremeweiß) entspricht.

Die Interieuranstriche haben auch einen mehrschichtigen Aufbau: Auf den Antikorrosions-Schutzanstrichen (auf Mennigebasis, auf Zinkstaubbasis und der Basis von Asphalt) folgen weiße Grundierungsanstriche und letztendlich ein weißer deckender Schlussanstrich. Diese Fassungen sind industrielle Ölanstriche, die Calciumcarbonat, Lithopone, Zinkweiß, Schwerspat und Permanentweiß als Pigmente, bzw. Füllstoffe enthalten.

Download

Volltext zum Download (pdf – 0.22 MB)
Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk steht unter einer Creative Commons BY-NC-ND 3.0 Deutschland Lizenz.