Aufsatz/Buch

Fritz, Ulrich:

Gottfried Semper und das Sgraffito in der Schweiz

2019

zum Download
DOI (Digital Object Identifier)
URL (zugehörige Internetseite)
Beteiligte, Autor/inn/en:

Die Schweiz besteht nicht nur sprachlich aus vier verschiedenen Regionen, sondern auch beim Umgang mit Verputz unterscheiden sich die Regionen deutlich: Die romanischen Bereiche haben einen eigenen Stellenwert und sind bezüglich Sgraffito nicht mit der Deutschschweiz vergleichbar. Eine Sonderstellung nimmt die Sgraffito-Technik im Bündnerland ein, dort wird sie in einigen Bereichen ohne Unterbruch seit der Renaissance praktiziert.
Hier näher betrachtet werden soll die ''Wiederentdeckung'' und Förderung der Technik durch Gottfried Semper. Für ihn war sie von zentraler Bedeutung. Er dekorierte damit zuerst das Hoftheater in Dresden 1838–1841 (abgebrannt 1869), danach das Haus seines Bruders in Hamburg und verwendete sie in Zürich sowohl am Polytechnikum (heute ETH) 1858–1864 als auch an der zugehörigen Eidgenössischen Sternwarte 1861–1864.
Besonders spannend ist letztere: Während Semper sonst bei allen Bauten in der Schweiz nur die Pläne liefern durfte, und mit der Bauführung ein billigerer Architekt beauftragt wurde, konnte er bei der Sternwarte auch die Bauleitung selber übernehmen. Der Bau, von dem detaillierte Beschreibungen Sempers erhalten sind, gibt daher einen tiefen Einblick in das Denken Sempers und vor allem in seinen materiellen Perfektionismus. Für das Sgraffito an der Sternwarte existieren eigenhändige Detailzeichnungen Sempers. Der ehemalige Denkmalpfleger für die eidgenössischen Bauten, Dr. Martin Fröhlich, geht davon aus, dass Semper es nach seinen Entwürfen (1:1) auch eigenhändig ausführte oder zumindest bei der Ausführung mitarbeitete.
Bei der Untersuchung zeigte sich der Kalkanstrich stark gelbstichig, es konnten aber keine Pigmente gefunden werden. Die Erklärung liefert Semper im Artikel in ''Die Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe'' von 1868. Dort wird beschrieben, dass das Sgraffito der Sternwarte um ''... das grelle Weiß des Kalkanstrichs zu vermeiden ... '' mit einem Asphaltfirnis überzogen wurde und so ''... einen klaren durchsichtigen Ton ... '' erhielt.
Spannend ist Sempers Haltung, weil die Sgraffiti des 19. Jahrhunderts in der Regel viel mehr Kontrast aufweisen als jene der Renaissance. Er versuchte jedoch nicht etwa den Kontrast zu mildern, indem er einen weniger schwarzen Mörtel verwendete, sondern dämpfte seine Sgraffiti mit einer Patina. Also nahm er eine ähnliche Haltung ein wie zahlreiche Zeitgenossen, welche mit einem ''Galeriefirnis'' als zu bunt empfundene Gemälde dämpften. Diese Patina der Sgraffiti fand jedoch keine Nachahmung.
Die Etablierung der Sgraffito-Technik in der Schweiz war ihm allerdings gelungen. Besonders stark aufgegriffen und verbreitet wurde sie durch den Gründungsdirektor der Luzerner Kunstgewerbeschule Seraphin Weingartner (1844 – 1919). In den Kunstschulen der Schweiz wurde dann noch bis in die 1950er Jahre die Sgraffito-Technik unterrichtet und daher auch praktiziert. Viele dieser Werke entsprechen heute nicht mehr dem Zeitgeschmack und sind aktuell bedroht.
Auch Sempers Originale überlebten nicht lange, obwohl er überzeugt war, mit seinem Steinkohlen-Schlacken-Mörtel ein besseres Produkt als Zementmörtel entwickelt zu haben. Auf Fotos um 1900 sind sie bereits stark verwittert. 1924 wurden sie an der ETH erneuert und 1950 an der Sternwarte durch einen Putz ersetzt und 1996 rekonstruiert. Bei beiden Rekonstruktionen wurde leider nicht mit Sempers Technik gearbeitet.

---

The four regions in Switzerland differ not only in languages, but also in the mortars and their materials. The Romanesque areas have their own local value and cannot be compared to sgraffito in the German part of Switzerland. The sgraffito technique has a special status in the region of Graubünden, where it has been used continuously in some parts since the Renaissance.
This presentation will focus on the ''rediscovery'' of sgraffito by Gottfried Semper and the promotion of this technique, a technique that was of central importance to him. The first application was on the Dresdner Hoftheater 1838–1841 (burnt down 1869), after that, he used it on his brother’s house in Hamburg and in Zürich, he also decorated the Politechnikum (today ETH) from 1858–1864 and the astronomical observatory from 1861–1864.
His observatory is particularly fascinating. That’s because Semper only drew up the plans for all the other buildings in Switzerland, and the construction management was handed over to another architect who was less expensive than Semper. But with the observatory, he took over the management of the construction site personally. This is the reason that a lot of detailed descriptions for this building have been preserved and it serves as an insight into Semper’s way of thinking and working and above all into his perfectionism for craftsmanship and his use of only high-quality materials. The 1:1 drawings he prepared himself still exist for the sgraffito of the observatory and Dr. Martin Fröhlich, the former curator of monuments, thinks that perhaps the work was carried out by Semper himself, or that he at least collaborated with the artist.
During the examination of this work, a coat of yellow paint was found, but no yellow pigments. The best explanation for this can be found in the periodical: ''Die Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe'' dating from 1868. Here Semper said that he used a varnish with asphalt to break the glaring white of the lime in order to get a clear, transparent shade of color.
Semper’s position is fascinating because the sgraffiti of the 19th century had more contrast than those of the Renaissance. But he didn’t try to lessen the effect by using a less black mortar. This was how he gave his sgraffiti a patina like this, which was also done during this time in paintings. But Semper was the only one to do this with sgraffito in Switzerland.
Semper was successful in establishing the sgraffito technique in the modern architecture of Switzerland. An important follower is Seraphin Weingartner (1844 – 1919), the founder of the School of Arts in Luzern. This technique was also taught in other schools up until the 1950s and so it was also used in a lot of works in Switzerland. Many of these artworks no longer reflect the prevailing fashion and tastes and are now endangered as a result.
Semper’s original works also didn’t last for long, although he was convinced that his mortar with hard coal was a better product than cement; it wasn’t. Photographs taken around 1900 show that the sgraffiti were already badly weathered. In 1924, they were renewed at the ETH Zurich and replaced by plaster at the observatory in 1950 and then reconstructed in 1996. Unfortunately, neither reconstruction was done using Semper's technique.

Im Druck erschienen in: Sgraffito im Wandel / Sgraffito in Change. Materialien, Techniken, Themen und Erhaltung / Materials, Techniques, Topics, and Preservation. Tagungsband der internationalen Tagung an der HAWK Hildesheim / Holzminden / Göttingen, 2.- 4. November 2017 in Hildesheim, hg. von Angela Weyer und Kerstin Klein, Petersberg 2019, S. 196-209 (= Schriften des Hornemann Instituts 19; Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 51)

Download

Volltext zum Download (pdf-Format, ca. 0.53 MB)
Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk steht unter einer Creative Commons BY-NC-ND 3.0 Deutschland Lizenz.

DOI (Digital Object Identifier)

10.5165/hawk-hhg/447

URL (zugehörige Internetseite)

https://www.hornemann-institut.de/german/epubl_tagungen43.php

Beteiligte, Autor/inn/en:

  • Ulrich Fritz (Autor/in)